Lebenskünstler unter sich
Ausgabe 03/2007

Text Ilona Marx Fotos Andi Zimmermann Illustration Roman Klonek
Auch wenn die Erfindung des Speichenrades schon in der Bronzezeit stattfand, also gut 4.000 Jahre bevor die ersten Häuser im historischen Zentrum Amsterdams errichtet wurden, kann man doch guten Gewissens behaupten, dass es die Bewohner der niederländischen Metropole sind, die größtmöglichen Nutzen aus dieser genialen Errungenschaft gezogen haben.
So erinnert nicht nur der Grundriss des Zentrums mit seinem felgenförmigen Grachtengürtel, den zahlreiche Kanäle wie Speichen durchweben, an die bahnbrechende Erfindung. Weit offensichtlicher und allgegenwärtig sind die 600.000 Zweiräder, die hier schätzungsweise verkehren und sowohl das Stadtbild als auch das Lebensgefühl prägen.
Zwar dient das Fahrrad den Amsterdamern primär als Transportmittel – die Topografie der Stadt ist denkbar ungeeignet für den Autoverkehr – jedoch sind die Kopfstein gepflasterten Wege entlang der Grachten so hübsch und beschaulich, dass die morgendliche Fahrt ins Büro nicht selten Ausflugscharakter bekommt. Kein Wunder also, dass die Einwohner der Stadt von einer Entspanntheit sind, die man bei anderen Großstädtern vergeblich sucht.
In den meisten Bezirken Amsterdams erübrigt sich sogar eine der grundsätzlichen Fragen der Wohlstandsgesellschaft. Ob man lieber auf dem Land oder in der Stadt leben würde, steht hier nicht zur Diskussion. Schließlich bietet die Metropole sämtliche Vorzüge beider Lebensmodelle: Ruhe, Beschaulichkeit, Idyll auf der einen Seite und ein breites Kulturangebot, Märkte, Restaurants und Läden auf der anderen Seite. Amsterdam wäre also der ideale Platz zum Leben – wenn es nur mehr davon gäbe! Die Stadt ist auf Polder gestützt, die in eine zwölf Meter unter dem Meeresspiegel liegende, schwammige Schicht aus Torf und Lehm getrieben sind. Die Folgen solch mühsamer Landgewinnung liegen auf der Hand – die Grundstückspreise sind horrend. Sowohl Eigentumsals auch Mietwohnungen sind schwer zu bekommen und extrem teuer und auf die erschwinglichere Variante, die Sozialwohnung, muss man fünf Jahre und mehr warten. So bleibt sowohl dem Besucher als auch einem Großteil der Einwohner nur das schwärmerische Träumen beim Anblick der charmant vornüber gebeugten Häuser, die stets den Anschein erwecken, als wären ihnen die üppig verzierten Giebel zu schwer und sie könnten jederzeit vornüber in die Grachten kippen.
Doch wäre Amsterdam nicht, was es ist, wenn seine Bewohner sich nicht durch einen markanten Wesenszug auszeichnen würden, der solche Mängel der Infrastruktur wieder aufhebt. Die Niederländer sind ein Volk von Lebenskünstlern, und genauso, wie man eine der schönsten Städte Nordeuropas an einer Stelle errichtet hat, die im Grunde gar nicht die nötigen Voraussetzungen bot, so versteht man es auch, andere Probleme mit einer bewundernswerten Leichtigkeit zu lösen.
Wenn man schon nicht an den Grachten wohnen kann, dann cruist man hier eben allabendlich mit seinem Bötchen entlang. Mit Freunden und ein paar Flaschen Amstel an Bord ist das ein kaum zu überbietendes Sommervergnügen. ‚Gezelligheid‘, das gemütliche Zusammensein mit seinen Lieben, ist sowieso die Top-Beschäftigung der rund 760.000 Einwohner.
Fast ebenso bekannt ist der Amsterdamer für seine Toleranz, eine Eigenschaft, deren Ursprung wohl im Pluralismus der niederländischen Gesellschaft begründet ist. Genauso wie ihre Stadt auf Poldern ruht, stützt sich die gesellschaftliche Struktur auf verschiedene Grundpfeiler, die gemeinsam das große Ganze tragen. Politik, Wirtschaft und Religion stehen hier weitestgehend unbeeinflusst voneinander und die Konsequenz daraus ist eine Liberalität, die vor allem im Umgang mit Themen, die anderswo tabuisiert werden, ihresgleichen sucht.
Wo sonst kifft man straffrei auf offener Straße? Wo heiraten Schwule und Lesben, werben Polizei und Heer in einschlägigen Homomagazinen um Nachwuchs und werden TV-Sendungen ausgestrahlt, die unter dem Titel ‚Richtig Vögeln‘ wertvolle Verhaltenstipps verbreiten?
Die Aufgeschlossenheit der Holländer, und insbesondere der Amsterdamer, ist wirklich sprichwörtlich. Ein Umstand, der sich nicht zuletzt in den vielen ungewöhnlichen Geschäftsideen niederschlägt, die die traditionelle Handelsnation bereithält. Die Stadt der Nischen und Winkel ist prall gefüllt mit Konzepten, die nicht nur architektonisch wie für die Stadt geschaffen, sondern auch im übertragenen Sinne ‚um die Ecke gedacht‘ sind. Wir haben die schönsten Rosinen aus dem reichhaltigen ‚Bollen‘ für Sie herausgepickt.


