City Guide Brüssel

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Hunting High and Low

Issue 03/2011

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Text  Ilona Marx  Photos  Andi Zimmermann  Illustration  Roman Klonek

Muscheln und Magritte, mönchsgebrautes Bier und handgeklöppelte Spitze, Pralinen, Pommes und EU-Politik – beim Stichwort Brüssel ergeben sich die denkwürdigsten Assoziationsketten. Zwar ist seit der Weltausstellung 1958 das mittlerweile wieder rostfreie Atomium Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt. Doch das internationale Publikum begeistert sich auch für weit weniger Technisiertes. Brüssels Lockruf lautet: Antiquitäten. Auf der Rue Haute und der Rue Blaes, auf Flämisch: Hoogstraat und Blaesstraat, reihen sich die Antiquitätenläden wie Perlen auf einer Schnur. Doch nicht genug damit, dass jeder Hauseingang zu einem Möbel- oder Gemäldehändler führt. Oftmals befinden sich im Parterre der Geschäfte riesige unterirdische Lager mit bis zu 2.500 qm Fläche. Dabei ist der Begriff Antik angenehm weit gefasst. Neben wertvollen Stücken aus Barock, Klassizismus oder Art-Nouveau werden auch 50s-, 60s- und 70s-Designs feilgeboten.

Kein Wunder also, dass Catherine Deneuve und Silvio Berlusconi genauso große Brüssel-Fans sind wie der Stylist von Madonna oder die britische Band Coldplay. Doch Les Marolles, wie sich das Viertel mit der wohl höchsten Antiquitätendichte Europas nennt, hat noch ganz andere Vorzüge zu bieten – allem voran eine sehr lebhafte Multikulti-Atmosphäre. Schließlich wohnen und arbeiten hier Brüssel-Natives und gebürtige Nord- und Westafrikaner Schulter an Schulter mit den der politischen Karriere verpflichteten EU-Nomaden. Zuwandererghettos, welcher Art auch immer, gibt es in Belgiens Hauptstadt nicht, die Nachbarschaften vermischen sich und gehen ineinander über.

Etwas brisanter da schon das Thema Flamen und Wallonen. Zwar ließ man bei der Vergabe der Straßennamen Fingerspitzengefühl walten – die Bezeichnungen rue und straat werden nebeneinander verwendet –, doch Ärger gibt es immer wieder: Jüngst wurde die Musik in den U-Bahnhöfen abgestellt. Der Grund: Beschwerden über eine zu niedrige Flamen-Pop- Quote. Als man nach einem Blick in die Archive allerdings feststellen musste, dass die Franzosen einfach die Sangesfreudigeren zu sein scheinen, wurden die Boxen wieder eingeschaltet. Wer sich über solche Manöver wundert: Nun ja, Belgien muss sich bereits seit April 2010 ohne Regierung durchschlagen.

Der gemeine Tourist allerdings lässt sich davon nicht weiter schrecken: Immerhin hat man das Atomium pünktlich zum 50. Geburtstag aufpoliert, das nun, neuer Edelstahl- statt alter Aluminiumhülle sei Dank, in feinstem Glanz erstrahlt. Auch der Justizpalast und der Finanzturm wurden einer Frischzellenkur unterzogen. Und was die Gastro- und Ausgehkultur angeht – die war ja noch nie von Überalterung bedroht. In Sachen Bars und Restaurants besonders vielfältig und kreativ geht es an der zentralen Place Flagey, in der Rue Lesbroussart und rund um die Église St. Boniface zu. Hier hat der Szenegänger die Wahl zwischen coolem Burger- Brater und schicker French-Cuisine – und natürlich zwischen knusprigen Pommes und zart schmelzenden Pralinen.

Und, Antwerpen hin oder her: Auch was das Thema Mode betrifft, muss sich Brüssel nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Man strickt in puncto belgisches Design an der Legendenbildung kräftig mit und schaut zugleich über den Tellerrand. Den Beweis, dass diese Taktik tadellos aufgeht, liefern gleich eine ganze Reihe interessanter Fashionläden, die sich unter anderem in St. Catherine konzentrieren – keine schlechte Standortwahl, denn dank alter Bausubstanz finden sich hier viele traumhaft schöne Ladenlokale.

Der Fotograf Andi Zimmermann und J’N’C-Chefredakteurin Ilona Marx sind Brüssels Ruf gefolgt und haben mit Genugtuung festgestellt, dass hier modisch nahezu alles geboten wird: von hochkarätigem belgischen Design über internationale Avantgarde bis hin zu – wie könnte es anders sein – Vintage-Fashion. Sie sind in die kleinen Seitenstraßen der Oberund Unterstadt eingebogen und in die Quartiers Ixelles, Uccle und Forest abgetaucht. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wären wohl für immer in den ewigen Trödeljagdgründen geblieben.

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