City Guide Helsinki

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Nordisch by Nature

Ausgabe 04/2007

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Text Ilona Marx Fotos Kai von Rabenau Illustration Roman Klonek

Mag sein, dass Helsinki auf den ersten Blick neben seinen schönen skandinavischen Schwestern Stockholm und Kopenhagen wie ein Aschenputtel wirkt. Königshäuser und barocke Zuckerbäckerarchitektur sucht man hier in der Tat vergebens. Vielmehr haben der Bauboom der 30er Jahre und die Olympiade 1952 ihre Spuren in der Ostseemetropole hinterlassen.

Dennoch verfügt Helsinki über etwas, das die allseits beliebte Verwandtschaft in den Schatten zu stellen vermag: einen spröden Charme und eine eigenwillige Schönheit, die den Besucher bald gefangen nimmt. Dass die finnische Hauptstadt sich nur demjenigen offenbart, der sie wirklich kennen lernen möchte, erhöht ihren Reiz noch zusätzlich und spricht für ihren tiefgründigen Charakter.

Die Gründe für die Einzigartigkeit Helsinkis sind evident: Wie kein anderes Land Skandinaviens wurde Finnland von der russischen Nachbarschaft geprägt. Während des Kalten Kriegs war die Stadt das ‚Tor zum Osten‘, und trieb so regen Handel mit der Sowjetunion, dass die finnische Nation nach dem Fall der Mauer in eine Wirtschaftskrise stürzte. Gleichzeitig aber drückten auch die schwedischen Anrainer der finnischen Kultur ihren Stempel auf, wovon nicht zuletzt die Zweisprachigkeit der Straßenschilder erzählt.

Einen lebendigen Eindruck von der wechselvollen Geschichte der 500.000 Einwohner zählenden Metropole bekommt, wer deren drei imposantesten Bauwerke betrachtet: Die Uspenski-Kathedrale im byzantinisch- slowakischen Stil zeugt unmissverständlich vom Einfluss von Väterchen Russland. Prunkvoll und schwülstig, ist sie ein Kind des 19. Jahrhunderts, erbaut zu einer Zeit, in der Helsinki noch Teil des Russischen Reichs war. Heute stellt sie das größte orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa dar – wenngleich sich nur noch knapp 1,1 Prozent der Finnen dieser Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen. Verständlich also, dass das Bauwerk sehnsüchtig über den Hafen in Richtung Baltikum zu blicken scheint. Ganz anders die Tuomiokirkko: Als Ausdruck europäischer Sachlichkeit bildet der klassizistische Bau den Counterpart zum russischen Pomp. Der mächtige weiße Dom, der 1852 nach den Plänen des deutschen Architekten C.L. Engel errichtet wurde, besticht durch seine nüchterne Erhabenheit.

Die Felsenkirche Temppeliaukio schließlich, 1969 von Timo und Tuomo Suomalainen erbaut, lässt die Naturverbundenheit greifbar werden, die das nordische Design ausmacht. Man bediente sich der Materialien, die das Land bietet, und überführte sie in einen zweckmäßig-modernen Kontext – ein Konzept, welches auf die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückdatiert und den finnischen Designer und Architekten Alvar Aalto zum Vordenker hat. Aalto verfolgte den Anspruch, die Ideale der Naturromantik mit der modernen Form-Follows-Function-Idee des Konstruktivismus in Einklang zu bringen. Zu diesem Zweck entwickelte er 1935 eine Methode, Birkenholz zu molden, und wurde mit seinen Möbelentwürfen zu einem der einflussreichsten Gestalter Skandinaviens. Rein optisch weiß Helsinki also durchaus zu begeistern, doch wie sieht es mit den klimatischen Bedingungen aus? Schließlich liegt die Stadt auf dem gleichen Breitengrad wie der Süden Grönlands oder Anchorage inAlaska! An dieser Stelle muss man der Wahrheit ins Auge blicken: Auch die Helsinkier empfinden die kalte Jahreszeit hier mitunter als grausam. Die langen, dunklen Nächte versetzen die Stadt in eine Art Winterschlaf, der eher trostlos als erholsam ist, es jedoch gleichermaßen mit sich bringt, dass im Sommer die langen Tage umso mehr genossen werden! Durch die Nähe des Golfstroms werden in diesen ,guten‘ Tagen in Helsinki nicht selten Temperaturen von 25 bis 30 Grad erreicht. In den Zeiten, in denen das Quecksilber irgendwo am unteren Rand der Skala vor sich hindümpelt, tröstet man sich gern mit Hardfacts: Dass in Lappland die Sonne an 84 Tagen im Jahr nicht untergeht und es weit weniger, nämlich nur 53 Tage im Winter gibt, an welchen sie nicht aufgeht, wird in Finnland immer wieder gern erwähnt.

Das Beste aus der Situation zu machen, ist eine Art Naturtalent der Finnen. Dazu gehört auch, dass das verhältnismäßig kleine Völkchen fest zusammenhält. In Helsinki wird selbst die Konkurrenz leidenschaftlich weiterempfohlen. Schließlich geht’s um eine gute Sache: die Heimat. Der Nationalstolz, der die Finnen zusammenschweißt, ist auch an anderer Stelle spürbar. Stärker als beispielsweise hierzulande begeistert man sich für seine Folklore. Und pflegt seine Traditionen. Sauna und Sommerhaus, Krebsfleischessen und Eisstockschießen – das finden auch die jungen Helsinkier hipp. Sommers wie Winters stehen Wochendausflüge in die Natur regelmäßig auf dem Programm.

Dafür blieb dem Berliner Fotografen Kai von Rabenau und der j’n’c Chefredakteurin Ilona Marx leider keine Zeit. Es gab einfach zu vieles in der Finnenmetropole, was besichtigt und bestaunt werden wollte.

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