Turkish Delight
Ausgabe 02/2007

Text Ilona Marx Fotos Andi Zimmermann Illustration Roman Klonek
Wäre Istanbul eine Frau, man hätte es wohl mit einer Diva zu tun. Sie wäre von majestätischer Schönheit und zugleich von unermesslichem Reichtum, in ihren Launen jedoch unberechenbar. Mal wäre sie freundlich, verzückte ausnahmslos jeden mit ihrer Anmut und ihrem Charme. Mal wäre sie garstig, vergraulte auch noch den letzten Bewunderer, welcher sich anschließend unweigerlich fragte, ob sie nicht vielleicht doch ein klein wenig schizophren ist, die Lady.
Nun ja, die Antwort ist: Ja! Oder wie ist es anders zu erklären, dass sich in der Stadt am Bosporus, über ganze sieben Hügel verteilt, die herrlichsten Prachtbauten finden, während der gemeine Istanbuler sein müdes Haupt nicht unbedingt auf Rosen bettet? Wie kann es sein, dass an einem Ort, an dem religiöse Einkehr eine so überragende Rolle spielt, man als Verkehrsteilnehmer nicht nur zur Rushhour um sein Leben fürchtet? Bedeutet die Tatsache, dass man auf dem Stadtplan zwischen einem europäischen und einem asiatischen Teil unterscheidet, dass man sich beiden Kontinenten gleichermaßen zugehörig fühlt? Und wie viele Menschen leben denn nun eigentlich in Istanbul? 10 oder 20 Millionen?
Was die Zahl der Einwohner betrifft, so hat man den Überblick längst verloren, und auch über die eigene Identität scheint Istanbul sich einfach nicht so recht klar zu werden. Fast 3.000 Jahre ist die Stadt alt, wurde mehrfach erobert und wieder fallengelassen. Schon Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. war die griechische Kolonie Byzanz eine blühende Siedlung, bis Konstantin der Große diese im Jahr 330 unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt des Oströmischen Reiches erhob. Sein Nachfolger Justian veredelte die Stadt mit imposanten Bauwerken, deren Juwel die Hagia Sophia wurde. 1453 dann nahte das Ende des Byzantinischen Reiches: Muhammad II. Fatih, bekannt als Mehmet der Eroberer, formte nach seinem Sieg über die Oströmer ein Istanbul islamischer Prägung.
Heute verschmilzt die islamische Vergangenheit mit dem Europa der Gegenwart und generiert eine aufregende urbane Mixtur. Es ist ein bisschen wie beim türkischen Honig: Auf der einen Seite süß, aber manchmal auch sehr hart. So bekommt man allerorten Leckereien und Tee angeboten, wird andererseits aber im Hammam, dem traditionellen türkischen Dampfbad, bisweilen recht rüde eingeseift. Neben der sprichwörtlichen Gastfreundschaft macht auch die allgegenwärtige Hilfsbereitschaft immer wieder Staunen. Kaum fragt man jemanden nach dem Weg, hat man auch schon eine Begleitung dorthin gefunden.
Laisser-faire und Engagement reichen sich in Istanbul die Hand. Alle Facetten modernen Lebens vereint die Stadt in ihren Vierteln: Eine vibrierende Independent-Szene in unmittelbarer Nähe zu ultraorthodoxen muslimischen Gemeinden, unermesslich teure Villen am Bosporus, trendy Einkaufsmeilen und verschlafene Gassen, in denen die Zeit seit Jahrzehnten still zu stehen scheint. Manchmal erinnert Istanbul darin an asiatische Metropolen. Doch genügt stets ein Blick auf die majestätisch über der Altstadt thronenden Bauwerke, um sich die wahren Ursachen für das heterogene Gebaren der Stadt ins Gedächtnis zu rufen.


