City Guide Leipzig

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Die Nische lieben

Ausgabe 01/2007

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Text Silke Bücker  Fotos Andi Zimmermann  Illustration Roman Klonek

Mit Leipzig assoziiert man historische Attraktionen – wie das Völkerschlachtdenkmal oder die Nikolaikirche, den Buchdruck oder große Dichter und Denker wie Goethe und Schiller. Aber was das Flair der Stadt eigentlich ausmacht, findet man in keinem Reiseführer. Es sind die kleinen Keimzellen und kulturellen Initiativen, die vom innovativen Geist der Stadt zeugen, weil es jenseits der bereits erschlossenen Straßenzüge noch Entfaltungsmöglichkeiten gibt, die man anderswo vergeblich sucht.

Auf den ersten Blick mutet Leipzig recht ‚westlich‘ an, wenn man von einer solchen Kategorisierung, beinahe zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, überhaupt noch sprechen kann. Spuren der DDR entdeckt man bei genauerem Hinsehen jedoch überall, seien es sozialistische Bauten wie das Gewandhaus oder die Oper, an der sogar noch das Wappen aus Hammer, Zirkel und Weizenkranz prangt, sei es eine propagandistische Neonreklame auf einem Dach am Leipziger Ring, die Tradition und Fortschritt für modernes Wohnen’ verheißt, oder die Auslage einiger Geschäfte, die authentisches ‚Ostgut‘ wie Mocca Fix, Spreewaldgurken oder Atoll-Deodorant anbieten.

Nostalgie, die jedoch auch ihre Schattenseiten hat. Ebenso wie in anderen ostdeutschen Städten, ist man auch in Leipzig seit Jahren darum bemüht, die aufgrund mangelnder Arbeitsplätze hohe Abwanderungsrate, welche eine teilweise Verwaisung ganzer Stadtteile nach sich zieht, einzudämmen. Wie findig und weitsichtig man mit brachliegenden Flächen oder leer stehenden Gebäuden umgeht, beweist etwa der Leipziger Westen, und dort insbesondere der Stadtteil Plagwitz. Mit Hilfe von Fördergeldern wurden die maroden Gründerzeitbauten saniert und zu modernen Loftwohnungen umgebaut, ohne sie ihres ursprünglichen Charakters zu berauben. Im Zuge dessen siedelten sich auch immer mehr Kunst- und Kulturbetriebe in den stillgelegten Industrieanlagen an, unter anderem auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei oder am Karl-Heine-Kanal. Noch ist Plagwitz zwar ein gutes Stück davon entfernt, zum neuen Lieblingsviertel einer aufstrebenden Garde von Kreativen zu avancieren, aber es befindet sich definitiv auf dem besten Weg.

Im Gegensatz dazu ist das südlich gelegene Connewitz traditionell die Heimat einer autonomen Szene, was sich insbesondere anhand der hohen Kneipen-, Bar-, Restaurant- und Clubdichte manifestiert. Anarchistische Züge charakterisieren diesen Bezirk mitsamt seiner Bewohner, die – unbeeindruckt von massenkompatiblen Möglichkeiten – mittels eigens entwickelter Ansätze und Ideen bestrebt sind, ihre alternativen Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen. So begegnet man hier Konzepten und Instanzen, die von ebenso viel Freigeist wie Solidarität und Respekt untereinander zeugen.

Ähnlich wie Berlin zieht auch Leipzig vor allem junge Menschen an. Klar, die Mieten sind immer noch relativ günstig, dazu locken diverse künstlerische Studiengänge, wie etwa an der Hochschule für Grafik- und Buchkunst. Während in der Hauptstadt jedoch, allein aufgrund ihres Status, langsam aber sicher alle attraktiven Lebensräume eine neue, feste Struktur erhalten haben, gilt es in Leipzig noch jede Menge zu erobern und zu besetzen.

Darin liegen, gepaart mit einer überschaubaren Größe und Einwohnerzahl, die bedeutendesten Chancen der Stadt – und die weiß man ganz offensichtlich auf einfallsreiche und umsichtige Art zu nutzen.

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