City Guide London

E-Mail Druckbutton anzeigen? PDF

Cool Britannia

Ausgabe 04/2009

2009-04-cytyguides-london-illustration.jpg

Text Ilona Marx Fotos Andy Rumball Illustration Roman Klonek

Slow Food meets Kunsthype, Bauboom trifft Verkehrsberuhigung – Selbst waschechte Londoner staunen, welche Richtung das Leben in ihrer Stadt in den letzten Jahren genommen hat. Die Ära Blair brachte vieles in Gang, und ,Cool Britannia‘ hielt Einzug in Londons Straßen: Vernachlässigte Innenstadtgebiete wurden saniert, der Ausbau von Fahrradwegen und die Erweiterung des U-Bahnnetzes massiv vorangetrieben, Kunst avancierte – der Tate Modern sei Dank – vom elitären Nischending zum Zeitvertreib der Massen. Und, als ob das nicht genug des Guten wäre, erhielt London den Zuschlag für die Olympiade 2012 und darf damit als einzige Stadt der Welt zum dritten Mal nach moderner Zeitrechnung die Spiele ausrichten.

Jahrelang arbeitete man in London hart daran, sein Image aufzupolieren. Schwindelerregend hohe Mieten, chaotischer Verkehr, die als uninspiriert verschriene und nicht zuletzt auch als ungesund geltende Küche, die Angst vor dem Terror – die Stadt, der man nachsagt, sie beherberge in ihren Straßenzügen eine ganze Welt, sie schien auch eine Menge großer Probleme zu haben. Doch wehe, man legte als Außenstehender den Finger in die Wunde. Da konnte die sprichwörtliche britische Höflichkeit schon einmal in Jähzorn umschlagen. Denn auch das ist typisch London: Man liebt es, über die eigene Stadt herzuziehen, beharrt aber geradezu stoisch auf deren Einmaligkeit, sollte dies ein Fremder wagen.

Die Gegenwart scheint den Einwohnern der britischen Hauptstadt Recht zu geben. Denn, auch wenn das Land von der Krise stark gebeutelt ist: Keine andere europäische Stadt hat das neue Jahrtausend mit einer solchen Unmenge an Millenium-Projekten begrüßt wie London, und noch immer herrscht reges Bautreiben. Nicht nur der künftige Schauplatz der Olympiade, eine riesige Industriebrache in Lea Valley, die derzeit größte Baustelle Europas, zeugt davon. Der Anfang dieses Jahres fertiggestellte ‚Broadgate Tower‘ wie auch der sich derzeit noch im Bau befindliche ‚Shard of Glass‘ gelten als imposante Beispiele für den ungebrochenen Optimismus, der die Metropole an der Themse auch nach Börsencrash und Regierungskrise beherrscht. Die bereits heute zu Ikonen gewordenen Bauten ‚London Eye‘ und ‚The Gherkin‘ – ‚Die Gurke‘ – setzen ihrerseits Zeichen, und weitere Wolkenkratzer sind geplant: Wie vorwitzige Unruhestifter recken die Kräne ihre langen Hälse allerorten in den Himmel und sorgen dafür, dass die City-Skyline in ständiger Bewegung bleibt. Kein Zweifel: London ist im Umbruch.

Doch auch unten, in den Straßen, in den Kneipen und Stuben hat sich derweil das eine oder andere getan: Innerhalb der letzten zehn Jahre scheinen die Londoner ihren Ernährungsplan mehr oder weniger komplett umgestellt zu haben, was sich besonders auf den Biomärkten und in den angesagten Restaurants bemerkbar macht. Die kürzlich gelockerten Schankgesetze, ein allgemein begrüßtes Rauchverbot und, nicht zu vergessen, die Wiedergeburt der Londoner Musikszene, die nach dem Britpop-Hype erstaunlich lange in der Versenkung verschwunden war, tragen ihren Teil zur Attraktivität des Londoner Nachtlebens bei.

Überhaupt, die blühende Subkultur, sie ist wohl nach wie vor das dynamischste Element der Stadt. Ob nun Musik, Mode, Kunst oder Film – immer wieder werden an der Themse neue Trends geboren, die sich international durchsetzen. Nicht zuletzt bedingt durch ein breites Spektrum ethnischer Einflüsse: Jeder Stadtteil hat seine eigene kleine Gemeinde. Seien es die Türken in Dalston, die Pakistani in Shoreditch und White Chapel oder die Afrikaner in Camden und Brixton – die Kontraste sind groß, und die Stadt in ihrer Komplexität zu erfassen, erscheint nahezu aussichtslos. Auch in den wohlhabenderen Gegenden prallen Sitten und Gebräuche aufeinander. Der tosende Verkehr an der Oxford Street ist nur wenige Schritte von den stillen, fast vergessen wirkenden Straßenzügen in Marylebone oder Mayfair entfernt. Aber gerade davon lebt London: Von den Widersprüchen, die es hervorbringt, und von den Grenzen, die es verwischt.

Zurück ... Zuletzt aktualisiert am d.m.y  

Aktuelle
Ausgabe

Ausgabe kaufenAbonnierenMediadaten