City Guide Mexico City

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Der Schmelztiegel über den Wolken

Ausgabe 04/2011

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Text Johannes Thumfart  Photos Rachel de Joode Illustration Roman Klonek

Als die ersten Europäer vor fünfhundert Jahren nach Amerika kamen, versetzte sie Tenochtitlán mit seinen Kanälen und prächtigen Tempelanlagen in Staunen. Die auf über zweitausend Metern Höhe gelegene Stadt war damals die einzige Metropole der neuen Welt. Noch immer bietet sie Neuankömmlingen einen atemberaubenden Anblick. Vor dem Hintergrund der Zwillingsvulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl erstreckt sich die Megacity heute bis weit hinter den Horizont.

Mexiko-Stadt, das ist vor allem beispiellose Vielfalt. Das Auge findet keine Ruhe, angefangen von den aztekischen Bauten bis zum rastlosen Treiben auf den Märkten und öffentlichen Plätzen. Das moderne Mexiko der makellosen Wolkenkratzer steht gleich neben improvisierten Wellblechhütten. Prächtige Bürgerviertel im Kolonialstil gehen nahtlos über in düstere Wohnblocks. Eingewanderte Chinesen, europäische Juden, Libanesen, Inder, Italiener, Franzosen und Deutsche haben während der letzten Jahrhunderte kulturelle Spuren im Stadtbild hinterlassen. Ähnlich wie in New York kann der Gang ins nächste Viertel eine Weltreise bedeuten.

Seit den Tagen, da die Beatnik-Dichter William S. Burroughs und Jack Kerouac hier Station machten und der surrealistische Filmemacher Luis Buñuel seine produktivste Zeit erlebte, zieht die Stadt die internationale Bohème an. Heute pflegt man in der Kunst- und Kulturszene besonders die engen Verbindungen zu den spanischen Metropolen Madrid und Barcelona, aber auch zu Los Angeles. Überall passiert etwas, öffnen neue Locations ihre Pforten – besonders in der Colonia Condesa und Colonia Roma. Durch das Erdbeben von 1985 zerstört, machten die beiden Stadtteile einst als Problemviertel von sich reden. Längst sind es jedoch nicht mehr allein bröckelnde Fassaden, sondern auch spannende Concept- Stores, Clubs und Galerien, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Aufgrund der facettenreichen Geschichte und Gegenwart versperrt sich Mexiko-Stadt einer einheitlichen Charakterisierung. Manche USAmerikaner sprechen angesichts der exorbitanten Wachstumsrate – die Einwohnerzahl des Großraums kratzt an der 20-Millionen-Marke – von der ‚Hauptstadt des 21. Jahrhunderts‘. Die Einheimischen hingegen verleihen ihrer Hassliebe Ausdruck: ‚El Monstruo‘, das Monster, so ihre Bezeichnung für die Hometown. Tatsächlich ist das Heterogene die beherrschende Eigenschaft der Megacity. Die sozialen Gegensätze sind frappierend, und doch strahlen die Bewohner Optimismus aus. Trotz großer Armut wird kaum gebettelt, vielmehr geht jeder einer Beschäftigung nach – und sei es der Pomaden- oder Zigarettenverkauf in der U-Bahn.

Bleibt die Frage nach den Auswirkungen des viel zitierten Smogs auf die Lebensqualität. Ja, es stimmt, bisweilen fällt in Mexiko-Stadt sogar das Atmen schwer. Andererseits präsentiert sich der vermeintliche Moloch beachtlich grün. Bäume sind keine Mangelware, weder am Straßenrand noch in den Parks, und dank Höhenlage leuchtet der Himmel zumeist in makellosem Stahlblau. Um einem weiteren Vorbehalt entgegenzuwirken: Die Stadt ist wesentlich sicherer, als es die meisten Reiseführer glauben machen. Hat die Null-Toleranz-Politik in Sachen Drogengewalt den Norden des Landes in Chaos gestürzt, so war sie hier erfolgreich. Entgegen anders lautender Gerüchte ist Taxi- und Metro-Fahren und sogar das Zufußgehen bei Nacht kein größeres Problem als in Ballungszentren von vergleichbarer Größe.

Apropos Metro: Vielleicht lernt man hier, wo erstaunlicherweise weder gedrängelt noch geschubst wird, die Stadt und ihre Bewohner am besten kennen. Höflichkeit ist eine angenehm altmodische Tugend der ‚Capitalinos‘, ihr unerschütterlicher Stolz eine weitere. Johannes Thumfart und Rachel de Joode machten sich auf, um für J’N’C das Geheimnis des Mexico-City-Lebensgefühls zu ergründen.

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