City Guide São Paulo

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Sampa statt Samba

Ausgabe 02/2012

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Text Ilona Marx Photos Adrian Louw Illustration Roman Klonek

Verbindet man Rio de Janeiro mit Strand und Samba, hat die große Nachbarin São Paulo das Image einer Bladerunnerin mit krimineller Vergangenheit: wüst, potenziell gefährlich – und alles andere als sexy. Was auf den ersten Blick natürlich stimmt. Beim Landeanflug zeigt sich die mit 11 Millionen Einwohnern größte Stadt Südamerikas als schier endloses Hochhausmeer. Abertausende Skyscraper, soweit das Auge reicht, am Horizont nur noch stecknadelkopfgroß. Es klingt vielleicht verrückt, aber dieser Anblick hat etwas Berauschendes – in seiner Homogenität einen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann.

São Paulo besitzt eine ganz besondere Ausstrahlung. Das ist nicht zuletzt der Verdienst des Bürgermeisters Gilberto Kassab, der ‚Sampa‘, wie die Locals ihre Stadt nennen, 2006 zur Clean City erklärte – und jede Art von großflächiger Werbung aus dem Stadtbild verbannte. Mit grandiosem Effekt: Die Straßenzüge wirken einheitlich, aufgeräumt, wie generalgereinigt von schreiend lauten Werbebannern und aufmerksamkeitsheischenden Plakaten. Wenn etwas grellbunt und grafisch ist, dann sind es Graffiti und Streetart-Tags, für deren hohen künstlerischen Anspruch São Paulo bekannt, ja sogar berühmt ist.

Ein guter Spot, um die urbane Schönheit zu würdigen, ist die Dachterrasse des Edifício Itália, eines der höchsten Gebäude der Stadt. Von hier aus genießt man nicht nur einen 360-Grad-Blick auf die pastellfarbenen Betonbauten, sondern kann gleichzeitig eines der Wahrzeichen der Stadt bewundern: die imposant geschwungene Fassade des Copan-Gebäudes, das, wie viele der großartigen Bauwerke im ganzen Land, aus der Feder des genialen Oscar Niemeyer stammt. Der brasilianische Architekt war es auch, der gemeinsam mit Roberto Burle Marx eine weitere Sehenswürdigkeit der Megapolis gestaltete: den Ibirapuera Park, die große grüne Lunge der Stadt.

Inzwischen über hundert Jahre alt, steckt Señor Niemeyer noch immer voller Schaffenskraft und ist als Wegbereiter der brasilianischen Moderne den Nachgeborenen seiner Zunft lebendiges Vorbild. So auch dem mittlerweile selbst schon legendären Architekten Isay Weinfeld, der für die spannendsten Shopping- und Gastroprojekte in São Paulo verantwortlich zeichnet. Fantastisch zu sehen, wie viel Aufmerksamkeit man im Boomland Brasilien dem Ladenbau und Interior Design schenkt. Was hier an Läden und Restaurants aus dem Boden schießt – von einer solchen Vielfalt träumt Europa. São Paulo denkt schlichtweg groß, das ist vor allem im noblen Stadtteil Jardins unübersehbar. Das Viertel, das im Nordosten von der Avenida Paulista und im Südwesten von der Avenida Brasil begrenzt wird, strotzt nur so vor extravaganten Shops und exquisiten Restaurants. Zugegeben, das Angebot ist kostspielig, selbst für europäische Verhältnisse, versetzt aber auch nachhaltig in Staunen.

Etwas günstiger – und nicht weniger inspirierend – geht es in den hippen jungen Vierteln Vila Madalena und Pinheiros zu. Hier reihen sich aufstrebende Restaurants, Vintage- Läden und Interior-Design-Shops aneinander. Nicht zu vergessen: die zahlreichen Kunstgalerien, die eines eint: internationales Renommee. Schließlich logieren sie in der Stadt, die mit der SP-Arte die bedeutendste Kunstmesse Südamerikas ausrichtet.

Doch bei all ihren gastronomischen und kulturellen Vorzügen: São Paulo ist und bleibt eine Businessstadt. Touristen sind rar gesät. Sogar die Schönen und Reichen, andernorts eher gleichgültig gegenüber Fremden, freuen sich offenkundig, dass man den Weg nach ‚Sampa‘ gefunden hat. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Paulistas – sie ist sprichwörtlich und sorgt dafür, dass in der Millionenmetropole menschliche Wärme, ja, völlig unerwartet, ein fast schon gemütliches Flair herrscht. Gemütlich statt gefährlich, das entsprach ganz den Vorstellungen von J’N’C-Chefredakteurin Ilona Marx und des Kapstädter Fotografen Adriaan Louw, die sich bei ihrem nachträglichen Besuch in Rio so manches Mal nach São Paulo zurücksehnten.

PLUS CHECK THESE OUT

Rosa Maria Genauso hübsches wie hippes Restaurant – unbedingt reservieren! www.restauranterosamaria.com.br

Hotel Emiliano  Das coolste Luxushotel – lichtdurchflutet. www.emiliano.com.br

Hotel Unique Rockstarabsteige mit schräger Architektur: Das Hotel hat die Form einer Wassermelonenscheibe. www.hotelunique.com.br

Skye Bar  Bar auf dem Dach des Unique – mit Blick auf die Stadt und den Ibirapuera Park. www.hotelunique.com.br

D.O.M. Der Gourmettempel gilt als das beste Restaurant der Stadt und zählt zu den 50 besten weltweit. www.domrestaurante.com.br

Dalva e Dito Eine weitere Adresse des berühmten D.O.M.-Chefs Alex Atala – noch dazu traumschön eingerichtet. www.dalvaedito.com.br

Frevo 50s Snackbar. ‚Beirut' heißen die leckersten Happen.  www.frevinho.com.br

AMP  T-Shirts und Urbanwear – in sehr europäisch inspiriertem Ambiente. www.amulherdopadre.com

Alexandre Herchcovitch Eines der wichtigsten Aushängeschilder des brasilianischen Modedesigns. www.herchcovitch.uol.com.br

Forum  Eine schicke Adresse für edle Mode – noch besser allerdings ist die Architektur des Stores. www.forum.com.br

Ibirapuera Auditorium  Ein UFO, das im Park gelandet ist. Vom genialen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer. www.auditorioibirapuera.com.br

Pissani  Fantastische selbstgemachte Pasta – ein Take-away der Luxusklasse. www.pissani.com.br

Legado Schöne Vintage-Furniture, umringt von weiteren Einrichtungsgeschäften. www.legadoarte.com.br

Galpao, 1416 Rua João Moura, 1416 - Pinheiros. Tolle Fundgrube für Vintage-Interior-Design.

Paulo Alves Ausgefallenes brasilianisches Möbeldesign. www.marcenariasp.com.br

Coletivo Amor de Madre  Interior Design und Kunst gehen hier Hand in Hand. www.coletivoamordemadre.com

São Cristovão, Rua Aspicuelta, 533 - Vila Madalena. Sehr beliebtes Bistro – über und über dekoriert mit Fußballtrophäen.

Copan Building Oscar Niemeyers Signature-Gebäude: Am besten von der Dachterrasse des benachbarten Edifício Itália aus zu bewundern. www.copansp.com.br

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