City Guide Stuttgart

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Stuttgart

Ausgabe 04/2015

stuttgart

Text Gerlind Hector, Fotos Nikolaus Grünwald 

Brav, stur, streberhaft – die Klischees zu Stuttgart mögen nachvollziehbar sein, sind aber im Grunde völlig überholt. Die Stadt am Neckar glänzt vor allem mit Gegensätzen, die hier wunderbar nebeneinander existieren: Es treffen Wutbürger auf Fashion Victims und Naturfreunde auf Skater Kids. Und das alles in einem herrlich grünen Umfeld.

Wer einen coolen Städtetrip plant, hat nicht sofort Stuttgart auf dem Schirm, das von seinen Bewohnern liebevoll ‚Schduegerd‘ genannt wird. Denn da fängt’s ja schon mal an, beim lokalen schwäbischen Dialekt, der hier – anders als in anderen Metropolen – noch sehr gepflegt wird. Da kann schon der morgendliche Gang zum Bäcker dem Zugereisten Angstschweiß auf die Stirn zaubern. Wer es hier mit Englisch oder – schlimmer – Hochdeutsch versucht, beißt nicht selten auf Granit, und dass sich hinter Breddzl, Weggle oder Bräschdlengsderdle simple Backwaren verbergen, ahnt der Laie schließlich nicht. 
Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn die Einwohner der sechstgrößten Stadt Deutschlands gelten zwar als eigen, aber gleichzeitig auch als herzensgut. In Zeiten von Globalisierung und internationaler Gleichschaltung kann eine gesunde Portion Sturheit und Traditionsbewusstsein sogar von Vorteil sein. Denn der Stuttgarter macht sich gern seine eigenen Gedanken und lässt sich schon aus Prinzip nichts vorschreiben. Der sogenannte Wutbürger, immerhin 2010 zum deutschen Wort des Jahres gewählt, wurde hier am Neckar geboren und zum Symbol des grundsätzlich braven Zeitgenossen, der sich aber nicht von Obrigkeiten auf der Nase herumtanzen lässt – in diesem speziellen Fall ging es um den umstrittenen Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofes in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof, kurz Stuttgart 21.

Wilde Experimente – sowohl kulinarischer als auch kultureller Art – sind stets willkommen.

Grundsätzliche Rückständigkeit, die Außenstehende gern vermuten, kann man den Stuttgartern jedenfalls nicht vorwerfen, das sieht man schon an der lebhaften Gastronomie-, Musik- und Shopping-Szene. Warum sonst kommen Deutschlands bekannteste Rapper, darunter Fanta4, Max Herre oder Cro, ausgerechnet aus Stuttgart? Wilde Experimente – sowohl kulinarischer als auch kultureller Art – sind hier stets willkommen. Da werden schwäbische Schmankerln mit fernöstlichen Spezereien kombiniert oder edle Luxuslabels hängen neben avantgardistischen Design-Newcomern. Aber alles mit Sinn und Zusammenhang! Konzeptlosigkeit funktioniert in der Hauptstadt von Mercedes und Porsche nicht, und das spiegelt sich auch in der guten Wirtschaftslage und geringen Arbeitslosenquote wider. 
Seinen Stammsitz hat hier auch das berühmte Breuninger, eines der größten deutschen Warenhäuser, das auf das gehobene textile Segment setzt und auf seinen 35.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf der Stuttgarter Marktstraße ein beeindruckendes Best-of internationaler Luxusmarken vereint hat.

Die berühmte Schaffe-Schaffe-Mentalität wird vom Rest Deutschlands zwar offiziell belächelt, in Wahrheit aber auch neidvoll beobachtet.

Es muss schon was Besonderes sein; langweiligen Einheitsbrei mag man im Stuttgarter Talkessel einfach nicht und ergreift gegebenenfalls selbst die Initiative. So geschehen im Herbst 2014, als sich 16 Händler zusammentaten und die alternative Einkaufsmeile Fluxus mitten in der Calwer Passage eröffneten, die den Namenszusatz ‚Temporary Concept Mail‘ trägt. Ohne viel Pathos wollte man hier einen unübersehbaren Kontrapunkt zu den großen Shoppingcentern mit ihrem üblichen Sortiments-Einerlei setzen und bietet stattdessen Mode, Interior, Food und Design jenseits des Mainstreams. Die berühmte Schaffe-Schaffe-Mentalität der Stuttgarter hat definitiv ihr Gutes und wird vom Rest Deutschlands zwar offiziell belächelt, in Wahrheit aber auch neidvoll beobachtet. Hier wird eben nicht genörgelt, sondern angepackt. Den kreativen Jungunternehmern wurde das Bleiberecht im Fluxus übrigens jüngst verlängert, zunächst bis Ende 2015. Also möglichst schnell hin und stets die lokale Grußformel parat haben: Griaß Goddle midanandr!

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